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Making of
Die Kaminski-Kids: Das Geheimnis von Marrakesch

© Carlo Meier

Kaum in Marokko angekommen, tauchten wir in eine völlig neue, fremde Welt ein. Auf den Strassen von Marrakesch kam uns ein Gewimmel von Mofas, verbeulten Autos und Eselsfuhrwerken entgegen. Mitten in der verwinkelten Altstadt hatten meine Frau und ich ein schönes Zimmer in einem romantischen Riad: Springbrunnen im Innenhof, Rundbogengänge, orientalische Lämpchen mit buntem Licht ...

Das Märchen konnte natürlich nicht so weitergehen. Draussen wartete die rauhste Welt, die wir bis dahin gesehen hatten. Am Strassenrand streckten Bettler die Hände hoch, Behinderte lagen in Lumpen auf dem Gehweg … Und dazwischen sassen sie: Die jungen Frauen mit Babys im Schoss. In Marokko wird eine unverheiratete Mutter von der Gesellschaft ausgestossen, und das führt dazu, dass viele junge Mädchen keinen anderen Ausweg sehen, als ihre frischgeborenen Babys auf den Strassen auszusetzen, irgendwo bei Bushaltestellen, in Hauseingängen, auf Parkplätzen …

Genau um diese jungen Frauen und ihre Kinder kümmert sich das Hilfswerk Terre des homme und seine Partnerorganisationen in Marokko – damit junge Mütter ihre Babys nicht mehr aussetzen müssen, und damit sie in der Arbeit nicht mehr ausgebeutet werden und bessere Lebensbedingungen erhalten.

Wir sprachen vor Ort ausführlich mit den Hilfswerk-Mitarbeiterinnen, die uns in allen Einzelheiten erzählen konnten, wie das alles hier abläuft. Ein Höhepunkt unserer Recherche-Reise war, als sie uns mit dem Geländewagen in ein bitterarmes Dorf in den Bergen fuhren. Denn in unserer Geschichte folgen die Kaminski-Kids der Spur eines betroffenen Mädchens bis zu dem Dorf, aus dem es ursprünglich in die Stadt geschickt worden war – und dabei stossen die Kids auf ein grosses Geheimnis. Aber zuviel sei hier noch nicht verraten. Damit das Geheimnis auch wirklich ein Geheimnis bleibt, bis die Buchdeckel geöffnet werden …

Die Geschichte beruht auf wahren Begebenheiten.
10% der Autoreneinnahmen des Buches gehen an Terre des hommes für die Kinder in Marokko.

Zum Foto oben:
„Kaminski-Kids“-Autor Carlo Meier (Mitte) in Marokko mit den Terre des hommes-Mitarbeiterinnen Rachida Jghaimi (links), R'Kia und Übersetzer Abderrahim Essaadi. Foto: Andrea Meier

Hier gibt's auf der Webseite weitere Fotos von der Marokko-Reise. 

Text/Foto: © Copyright by Carlo/Andrea Meier, Zug. Verwendung nur unter Namensnennung erlaubt.

 

Specials

Beim Making of keine Gefahren gescheut ...

© Carlo Meier

Auf dem grossen "Platz der Gaukler" in der Altstadt von Marrakesch legte der junge Mann links von mir einfach eine Schlange um meinen Hals und liess sie los. Ich packte sie hinter dem Kopf, damit sie mich nicht beissen konnte. Danach begann der Schlangenbeschwörer die Kobra im Vordergrund zu provozieren. Die kann zwar meines Wissens nichts hören - also auch das Flötengedudel nicht -, aber von der Erschütterung der Trommel fühlt sie sich angegriffen und beginnt gefährlich zu zischen ... Mir hat's jedenfalls gereicht mit dem Nervenkitzel - ich hab die Schlange dem Mann zurückgegeben, und auch das Angebot des Wander-Zahnarztes, der auf dem Platz einen ganzen Tisch voller ausgerissener Zähne als Werbung präsentierte, habe ich dankend abgelehnt ... 

Zum Foto oben:
„Kaminski-Kids“-Autor Carlo Meier mit zwei Schlangenbeschwörern auf dem "Platz der Gaukler" in Marrakesch. Foto: Andrea Meier

Hier gibt's auf der Webseite weitere Fotos von der Marokko-Reise. 

Text/Foto: © Copyright by Carlo/Andrea Meier, Zug. Verwendung nur unter Namensnennung erlaubt.

 

Specials

Eingeschlossen

© Carlo Meier

Was man auf so einer Kaminski-Kids-Lesereise nicht alles erleben kann ... Wie neulich, als ich einen längeren Aufenthalt im Untergeschoss eines einsamen Landgasthofes verbrachte. Und knapp überlebte.
Eigentlich begann alles ganz harmlos. Zwischen einem Auftritt am Morgen und einer Vorstellung am Nachmittag brachte ich die Mittagszeit in einem Restaurant zu. Und kurz darauf die Tür der Herrentoilette nicht mehr auf. Sie liess sich einfach nicht mehr öffnen.

Hinter Schloss und Riegel

Der Knauf spult leer. Zugesperrt hat das Ding einwandfrei, aber in der Gegenrichtung versagt es den Dienst. Man kann die Sache drehen und wenden, wie man will - das Schloss geht nicht mehr auf. 
Unter und über der Tür ist kein Zwischenraum, bloss Keramik-Kacheln bis zur Decke. Fenster gibt es keines in dem engen, knapp zwei Quadratmeter winzigen Räumchen. Ich bin eingemauert.
Nur ruhig bleiben, sage ich mir. Klarer Fall. 
Auf andere Toilettenbenützer kann ich allerdings nicht hoffen, denn ich war der einzige Mittagsgast in dem Wirtshaus. 
Also versuche ich nochmals, die Tür zu öffnen. 
Der Knauf spult immer noch leer. 
Ein beherztes Reissen an der Klinke fruchtet nichts. Die Tür sitzt solid in den Angeln und bewegt sich keinen Milimeter. Und weil sie nach innen geht, kann man sie nicht aufdrücken oder eintreten. 
Da erlöscht das Licht. 
In der plötzlichen Finsternis sackt mir das Herz in die Hose.
Der Schalter befindet sich doch nicht etwa draussen vor der Tür?
Siedendheiss durchzuckt mich der Gedanke: In der undurchdringlichen Dunkelheit hier drin wäre es keine Kunst, Ruhe zu bewahren. Sondern ein Wunder. Wie lange würde ich das durchhalten? 
Da erblicke ich in der Schwärze den rettenden, schwach orange flackernden Knopf.
Ich drücke drauf. Das Licht geht wieder an. Ich atme auf.

"Hallo, ich bin im WC eingeschlossen!"

Gut. 
Irgendwann wird die Wirtin bestimmt nachschauen kommen, wo ich bleibe. Ich habe sie ja schliesslich nach den Toiletten gefragt, bevor ich den verhängnisvollen Gang hier herunter angetreten hatte. Sie weiss also, wo ich bin. Es kann sich nur um eine Frage der Zeit handeln, bis meine missliche Lage entdeckt wird.
Inzwischen bleibt mir nichts anderes übrig, als ruhig Blut zu bewahren. 
Ruhig Blut. 
Das ist schneller gesagt als getan. 
Ich kann einfach nicht untätig bleiben. 
Laut rufe ich: "Hallo, ich bin im WC eingeschlossen!" 
Nichts geschieht. 
Ich hämmere gegen die Tür. 
Macht ziemlich Krach. Ansonsten bewirkt es überhaupt nichts. 
Ich steige aufs Klosett und linse oben durch das kleine Loch unterhalb der Decke. Es führt nach draussen - Tageslicht ist zu sehen, und ein runder Belüftungs-Rotor mitten in der Röhre. 
Ein wenig peinlich ist es mir schon, als ich durch die Öffnung hinaus rufe: "Hallo, ich bin im WC vom Sternen eingeschlossen!" 
Irgendwo gegenüber schlagen Hunde an. Das sind allerdings die einzigen, die auf mein Gezeter reagieren. Stimmen sind in der mittäglichen Stille keine zu vernehmen, Stimmen von richtigen, lebenden Menschen, die mich vielleicht retten könnten ... 
Ich überlege fieberhaft. 
Ausser mir sind keine Gäste im Haus, auf der Strasse hatte ich vor dem Restaurant keine Seele gesehen. Autos fahren höchst selten vorbei, hin und wieder mal ein Traktor, dann hat es sich. 
Kommt in dieser verlassenen Gegend überhaupt mal jemand zu Fuss vorüber, noch dazu ausgerechnet an meinem unscheinbaren Lüftungsloch, das in eine Seitengasse zwischen Wirtshaus und Hof hinausgeht? 
Da fällt mir mein Handy ein. 
Natürlich, das Handy! Dass ich nicht gleich daran gedacht habe! 
Damit kann ich doch die Auskunft anrufen, nach der Telefonnummer des Restaurants fragen, mir die Nummer einprägen und die Wirtin alarmieren! Dann bin ich erlöst! 
Doch aus der Traum - mein Handy liegt oben im Speisesaal auf dem Tisch, neben der aufgeschlagenen Zeitung, die ich noch lesen wollte ...

Keine Panik!

Okay. 
Zur Abwechslung hämmere ich gegen die Decke und schreie meinen Spruch, diesmal schon deutlich schriller. 
Nichts geschieht. 
Ein hastiger Blick auf die Uhr. In einer halben Stunde beginnt meine Nachmittags-Lesung in der Dorfschule. Ob die sich dort wohl fragen werden, wo dieser Autor denn bleibt, wenn ich nicht auftauche? Hat vielleicht jemand mein Auto mit dem Zuger Nummernschild vor dem Gasthaus bemerkt? Wird man meiner Spur folgen? Und mich schliesslich hier in meinem Verlies aufspüren? 
Und nebenbei, was ist eigentlich mit dieser Wirtin los? Irgendwann muss die doch schnallen, dass es ein bisschen gar lange dauert, bis ihr einziger Gast vom Klo zurückkehrt! 
Ganz klar - früher oder später werde ich befreit. So wie's aussieht allerdings eher später. 
Jetzt bloss keine Panik aufkommen lassen. 
Keine Panik. 
Je mehr ich mir das eintrichtere, desto schneller rast mein Puls. 
Die Fantasie galoppiert, brennt durch, ist nicht mehr zu bremsen.


"Hilfe? Das kann nicht sein."

Inzwischen steigert sich die Eindringlichkeit meiner Rufe durch das Belüftungsrohr drastisch. Jetzt schreie ich nicht mehr "Hallo, ich bin eingeschlossen!", sondern "Hilfe, ich brauche Hilfe!" Was man über mich denkt, ist mir mittlerweile völlig egal. Hauptsache, man befreit mich. 
Plötzlich höre ich draussen eine Stimme. "Das ist nichts", sagt ein Mann. "Doch, da hat jemand um Hilfe gerufen!", antwortet eine Frau. "Hilfe?", meint der Mann. "Das kann nicht sein." 
Doch, das kann sein! 
"Hilfe, ich bin im WC eingeschlossen!" rufe ich mit letzter Kraft hinaus. 
"Tatsächlich", meint der Mann. 
Es folgt eine nervenzerfetzende, rauschende Stille. Eine Ewigkeit, in der ich mich frage, ob das Pärchen vielleicht gegangen ist? Keine Zeit ... Wichtigeres zu tun ... Oder was weiss ich? 
Schliesslich nähern sich doch Schritte. Und mein Retter steht vor der Klotüre. 
Besonnen fragt dieser engelgleiche Mensch, der auf einer ausgedehnten Radtour ‚zufällig' hier vorbeigekommen ist, die Wirtin nach Werkzeug. 
Mit vereinten Kräften schaffen es die beiden zu guter Letzt, mich zu befreien. 
Ich liebe diese Tür, jetzt, da sie aufgeht und mich aus meinem Kerker in die Freiheit entlässt. 
Endlich! 
Die Wirtin entschuldigt sich unablässig. Sie habe gedacht, ich sei ein wenig spazieren gegangen, ich käme dann schon wieder zurück. So lange bleibe ja niemand auf der Toilette ...
Dafür offeriert sie das Essen und die Getränke auf Kosten des Hauses.
Selbstverständlich wird die WC-Tür repariert. 
Man kann also ruhig in diesem Restaurant einkehren, wenn einem der Sinn danach steht. Vielleicht nimmt man einfach das Handy mit, falls man mal muss. 
Nur so zur Sicherheit ...

© Copyright by Carlo Meier, Zug. Verwendung nur unter Namensnennung erlaubt.