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© Neue Luzerner Zeitung; 1998-09-30 (Volltext)

Tausendsassa der Literaturszene

Krimis, Romane, ein Drehbuch und nun ein Kinderbuch: Carlo Meier fühlt sich in zahlreichen literarischen Sparten zu Hause. Mit Erfolg. Auf den Zuger Autor ist man längst auch jenseits der Landesgrenzen aufmerksam geworden. In der Anthologie «Fenster mit Aussicht» lässt er die Hauptfigur aus «Das Buch Müller» Londoner Luft schnuppern.

Von Doris Stalder

Verlässt man die vom Verkehr beinahe zu jeder Tageszeit stark frequentierte Zuger Vorstadt und zieht die Tür der Nummer 30 hinter sich zu, wird man von einer zunächst überraschenden, aber äusserst angenehmen Stille empfangen. Es ist jene Stille, die sich wohl jeder Autor zum Schreiben wünscht, ja die er unbedingt braucht. Hier ist die Wirkungsstätte von Carlo Meier. Hier entstehen seine Geschichten, werden die unterschiedlichsten Figuren geboren. Vor zehn Jahren entschloss sich der Zuger wagemutig zum Schritt als freischaffender Autor - ohne Netz und doppelten Boden.

Begeisterte Kritiken

 Ein Mut, der sich gelohnt hat. Schon sein Romandebüt, die Kriminalparodie «Keine Leiche in Damaskus» (1992), wurde von der Kritik gerühmt, ebenso der Kriminalroman «Horu», der 1995 folgte. Mit «Das Buch Müller» (1997) wechselte Meier das Genre - und wieder reagierte die Literaturkritik begeistert.
 
Doch trotz eigener Erfolge weiss Carlo Meier nur zu gut um die Schwierigkeiten junger Autoren, im Literaturbetrieb Fuss zu fassen. Er war denn auch so etwas wie einer der geistigen Väter der Anthologie «Fenster mit Aussicht». «Es ist wichtig, dass Kollegen, die noch nie veröffentlicht haben, eine Plattform erhalten», sagt er. Als das Projekt schliesslich konkret wurde und man ihn ebenfalls um einen Beitrag bat, war er gar nicht darauf vorbereitet und wusste zunächst nicht, was er einreichen könnte.

Feiner Humor

«Nimm doch eine Figur aus einem deiner Romane», schlug Anthologie-Herausgeber Hardy Ruoss vor. Da war Müller, der «Held» aus «Müllers Buch», naheliegend. Carlo Meier lässt den biederen Angestellten der kantonalen Liegenschaftsverwaltung in «Müller in London» eine Reise in ebendiese Metropole gewinnen. Doch stempelt er ihn auch hier nicht zur plakativen Witzfigur. Mit dem gleichen feinen Humor wie zuvor im Roman lässt er den Protagonisten in der Kurzgeschichte eine aussergewöhnliche Situation durchleben. Dabei wird einmal mehr Meiers Markenzeichen deutlich: die Verquickung von ganz Alltäglichem, eigenen Erlebnissen und Phantasie.
 
«Nach zwei Krimis wollte ich klar etwas anderes machen, etwas, das sich vor unserer Tür abspielt», sagt Carlo Meier. Mit Werner Müller hat er eine archetypische Figur geschaffen, die wohl gerade durch ihre allzumenschlichen Gedanken und Handlungen berührt und dem Lesenden da und dort ein Schmunzeln entlockt. «Humor ist mir schon sehr wichtig, und ich habe auch Lust, so zu schreiben», sagt der Autor. Dass dieser durchaus sein Publikum erreicht, spürt er immer wieder bei Lesungen. Mit dem Klischee vom humorlosen Schweizer ist Meier nicht einverstanden.

Eigene Kinder als Kritikerteam

Ein bekanntermassen besonders kritisches Publikum hat Carlo Meier mit seinem neusten Projekt im Visier: die Kinder. «Übergabe drei Uhr morgens» ist sein erstes Kinderbuch überhaupt und - ein Krimi (erscheint im Frühjahr 1999). Dieser thematisiert auf spannende und kindgerechte Art die Drogenproblematik. Meier hat diesen heiklen Stoff ganz bewusst gewählt. «Es ist eines der wichtigsten Themen, das uns alle betrifft», sagt er. Kaum Zufall dürfte auch sein, dass die drei Kinder im Roman, die den Machenschaften der Dealer auf die Schliche kommen, in fast gleichem Alter sind wie seine eigenen. An ihnen hat der Autor quasi das Buch erprobt. Über Monate erwartete ihn am Abend jeweils das Kritikertrio und wollte das neuste Kapitel hören. Doch sie brachten nicht nur Lob oder Kritik an, sondern lieferten auch Ideen und Vorschläge. «Das ganze Manuskript wurde durch diese Interaktion stark beeinflusst», erzählt Carlo Meier. Eine neue Erfahrung, die er als interessant und sehr wohltuend beschreibt. Durch seine Kinder habe er einen vortrefflichen Einblick in die Figuren erhalten. Beste Gewähr also, dass er mit dem Buch sein Zielpublikum (Kinder von zirka 7 bis 14 Jahren) auch tatsächlich erreicht. Er weiss: «Sie müssen ihre Welt darin erkennen können.» Natürlich hofft er auch, dass das Buch präventiv wirkt und bei den jungen Lesern «etwas hängenbleibt».

Beziehung zum Stoff

Als besonders bereichernd empfand Carlo Meier auch die Zusammenarbeit mit dem Zuger Regisseur Christoph Kühn bei dessen eben angelaufenem Film «Irrlichter». Kühn und Meier schrieben das Drehbuch gemeinsam. «Das brachte eine neue Dimension in meine Arbeit», sagt Meier. Neue Perspektiven taten sich auf. «Ich bin beim Schreiben sehr handlungsorientiert. Christoph Kühn hat mir gezeigt, dass die Psychologie der Personen ebenso wichtig ist», erzählt er.
 
Carlo Meier, der Tausendsassa der Literaturszene, arbeitet immer an mehreren Projekten gleichzeitig. Die Gefahr, literarisch in eine Sackgasse zu geraten, ist damit weitgehend gebannt. Der Autor kennt aus eigener Erfahrung die Hektik des Tagesjournalismus. Bei seinen heutigen Projekten ist der Zeitrahmen mit einigen Monaten bis zu zwei Jahren natürlich ein ganz anderer. Das erlaube eine gewisse Tiefe und Beziehung zum Stoff, ist er überzeugt. Klar sei das Leben eines «Lonely Wolf» nicht jedermanns Sache, räumt er ein. Als freiberuflicher Schriftsteller muss er genau prüfen, wo er seine Zeit hineinsteckt. Meier schreibt denn auch nicht einfach so ins Blaue, sondern erkundet jeweils zuerst das Interesse des Verlags.
 
Es ist wohl seine Vielseitigkeit und seine Lust, immer wieder Neues auszuprobieren, die ihn antreibt. Dazu meint er schlicht: «Es fasziniert mich, die Möglichkeiten auszuloten.»


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