"Der Betrüger"
Opas Geschichte aus dem Abenteuer
"Die Kaminski-Kids: Unsichtbare Zeugen" (Band 10)
Das Abenteuer
Die Kids trauen ihren Augen kaum, als die Polizei bei ihrem Freund Loko verbotene Ware findet. Loko beteuert seine Unschuld, und die Kids nehmen die Spur eines verdächtigen jungen Mannes auf. Doch dabei kommen ihnen die "Banfits" in die Quere: Die Jugendbande verwickelt die Kids in eine Prügelei und filmt sie mit dem Handy. Loko landet verletzt im Krankenhaus. Auch Simon ist verletzt und weiß nicht mehr ein noch aus. Erschöpft sucht er Rat bei Opa: Wie soll es bloss weitergehen?
Opas Geschichte
In Grossvaters Zimmer lag Simon entkräftet auf dem Doppelbett. Die Federdecke mit dem blauweiss gewürfelten Leinenbezug hatte er achtlos zur Seite geschoben.
Opa sass in seinem altmodischen Lehnstuhl neben dem Tannenholz-Kleiderschrank, und Zwockel lag mitten im Raum auf dem Teppich.
Obwohl Simon ein Schmerzmittel genommen hatte, spürte er den Riss am Ohr und die Quetschung am Bauch, wo er einige üble Tritte erwischt hatte. Doch das war nicht das, was ihn am meisten beschäftigte. „Ich konnte meinem besten Freund nicht mal helfen“, seufzte er. „Ich fühl mich so mies …“
„Du hast alles gegeben“, munterte Grossvater ihn auf. „Mehr war nicht möglich.“
Doch Simons Magen krampfte sich erneut zusammen, als er wieder an die brutalen Schläge dachte, die sein Freund einstecken musste. „Ich hab eine unbeschreibliche Wut auf die Banfits!“, stiess er hervor. „Und wir wissen noch nicht mal, wer Loko die furchtbare Wunde an der Stirn verpasst hat …“ Erschöpft lehnte er sich im Bett zurück. „Ausgerechnet jetzt, wo Loko so dringend meine Hilfe braucht, damit er nicht in seine alte Heimat muss, liege ich flach ... Was kann ich nur für ihn tun?“
„Für den einen Teil deiner Sorgen hätte ich schon einen Vorschlag“, entgegnete Opa. „Du könntest Loko entscheidend helfen, wenn du ihn vom Verdacht des Drogenbesitzes entlasten würdest.“
„Wie das denn?“
„Indem du zur Polizei gehst und mit der ganzen Vorgeschichte auspackst. Erzähl Polizist Koller die volle Wahrheit, so wie du sie mir damals erzählt hast.“
„Das hat keinen Sinn … Dabei käme bloss aus, dass ich die Drogen aus dem Jugendhaus geschmuggelt habe ...“
„Tja, siehst du, Simon, wenn du das einzig Richtige nicht tun willst, weil du deinen damaligen Fehler verbergen willst, dann bleiben dir eben nur noch falsche Möglichkeiten. Und je länger das dauert und je öfter du deswegen ungute Entscheidungen treffen musst, desto schlimmer wird die Sache.“
„Koller würde mir das Ganze ohnehin nicht abnehmen, er hat Loko die Geschichte mit dem unbekannten Einbrecher ja auch nicht geglaubt.“
„Das ist aber nicht dasselbe“, wandte Grossvater ein. „Du bist nicht irgendein Unbekannter, sondern ein Augenzeuge – du kannst selbst bezeugen, dass die Pillen vernichtet wurden, weil du dabei warst.“
„Trotzdem … Das ist alles so … vertrackt ...“ Es wurde Simon immer unerträglicher, was sein Vergehen im Jugendhaus für Folgen hatte.
„Es gibt da eine alte Begebenheit“, sagte Opa. „Da bin ich letzthin drauf gestossen. In der hat Jesus einmal einen Mann kennen gelernt, der auch Fehler gemacht hatte, indem er die Leute oftmals betrog. Doch er sah seinen Fehler ein, und Jesus hat ihm vergeben. Darauf gab der Mann das Vierfache des erschlichenen Geldes den Leuten zurück und verteilte sogar noch welches an die Armen ... Es gibt also einen Ort, an dem du Vergebung für deinen Fehler bekommen kannst, Simon. Gott bietet sie jedem an, der ihn aufrichtig darum bittet.“ Der alte Mann räusperte sich. „Jesus weiss, dass die Menschen Fehler machen, deshalb hat er ja auch alles unternommen, damit sie Vergebung erhalten können, auch für grosse Vergehen. Dazu gehört aber auch, dass man sich bei den Betroffenen selbst entschuldigt. Und das kann natürlich sehr unangenehm werden …“
„Ja, unangenehm!“, stöhnte Simon auf. Die Vorstellung, Polizist Koller zu gestehen, dass er dessen Vertrauen missbraucht hatte, liess ihn sich gleich noch viel elender fühlen als ohnehin schon. Es war ein Auf und Ab – einmal hatte er sich beinah dazu überwunden, es zu tun, dann wollte er es wieder auf keinen Fall …
„Ich denke“, brummte Grossvater, „du wirst wohl früher oder später nicht darum herumkommen. Die Wahrheit findet am Ende immer ans Licht. Und wenn du offen und ehrlich bist, wird es schon nicht so schlimm werden.“ Er lächelte den Jungen aufmunternd an. „Du hast den Mut gehabt, in jener Nacht Loko in der Not zu helfen und etwas Verbotenes zu tun. Und nun brauchst du wieder Mut, um zum Polizisten zu gehen und zu deinem Fehler zu stehen. Die Vergangenheit holt dich ein.“
„Das kann man wohl sagen …“ Simon sah sich einem unüberwindlichen Berg von Problemen gegenüber. Sie türmten sich derart hoch vor ihm auf, dass er jede Hoffnung verlor. „Hat doch alles keinen Zweck“, murmelte er, und die Augen fielen ihm zu.
Ermattet und geschwächt dämmerte er im Bett weg.
Grossvater stand auf und breitete die Federdecke über den Jungen.
Da klopfte es leise an der Tür. Mit vorgestreckten Armen tappte der fast blinde alte Mann durch den Raum und öffnete.
Draussen im Flur stand Debora. Sie beugte sich etwas vor und flüsterte: „Raffi darf im Bett der Eltern schlafen. Wie geht es Simon?“
„Nicht gut“, antwortete Opa verhalten.
Debora nickte und holte ihr Handy heraus. „Jetzt gibt es nur noch eins, das ihn wieder aufheitern kann.“ Entschlossen wählte sie eine abgespeicherte Nummer. „Seine Freundin Antje und ihr Bruder Mark müssen unbedingt herkommen und uns helfen!“
Grossvater zwinkerte ihr mit einem wissenden Lächeln zu.
Dann machte er sich für die Nacht bereit. Er würde auf der anderen Seite des Doppelbetts schlafen. „Hoffentlich wecke ich den Jungen mit meinem Schnarchen nicht auf“, schmunzelte er in sich hinein.
Zwockel blieb an seinem Platz auf dem Fussboden und bewachte treu den verletzten Simon.
Wie geht’s weiter?
Zur Verstärkung reisen Antje und Mark an, um den Kids in der Notlage zu helfen. Das verschafft Simon neuen Schub, und gemeinsam machen sich alle auf die Suche. Schon bald kommen sie dem Täter ständig näher – doch dabei wird es immer gefährlicher ... Ob sie es schaffen, den Täter zu überführen, ob ihn die Polizei mit Hilfe der Kids verhaften kann und wie die ganze Geschichte dann ausgeht – das alles steht in Kaminski-Kids Band 10 "Unsichtbare Zeugen".

