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Übergabe drei Uhr morgens

"Die Kaminski-Kids" Band 1

 Brunnen Verlag, Basel/Giessen, 1999
160 Seiten, Hardcover, mit Illustrationen von Monica Keusch
Fr. 19.80 / Euro 11.95
3. Auflage

Die Kaminski-Kids entdecken ein aufregendes Geheimnis: Als sie heimlich im Zimmer des neuen Hausmädchens herumstöbern, finden sie einen Zettel mit der Zeichnung ihres Hauses und der Aufschrift "Drei Uhr morgens". Die Frage ist: Wem will die Haushälterin damit einen Wink geben? Und warum? Die Kinder gehen der Spur nach. Sie führt bis unter die Brücken der nahen Stadt ...

Empfohlen durch Pro Juventute: "Das Buch ist kindergerecht, spannend und von der Thematik her sehr akutell."

 

Leseprobe

"Übergabe drei Uhr morgens"

Kinder- und Jugendroman, "Die Kaminski-Kids" Band 1, Brunnen Verlag, Basel/Giessen, 1999 
Empfohlen durch Pro Juventute 
© Brunnen Verlag

Vorwort

Nachdem ich schon drei Romane für Erwachsene - darunter zwei Krimis - geschrieben hatte, war es für mich als Schriftsteller eine grosse Herausforderung, nun ein Buch für junge Leserinnen und Leser zu schreiben. Dabei konnte ich auf die Hilfe meiner eigenen drei Kinder Sidi (13), Anuschka(12) und Saskia (9) zählen: Sie steuerten von Anfang an viele Ideen bei und haben ganze Teile der abenteuerlichen Geschichte selber erfunden. Nach dem Schreiben las ich ihnen abends jedes neue Kapitel vor, und sie nahmen mit ihren Wünschen und Vorschlägen weiter kräftig Einfluss auf das Buch. Damit ist "Übergabe drei Uhr morgens" auch ihre Geschichte, und ich hoffe, dieser Roman gefällt allen Jungs und Mädchen, die ihn lesen - und natürlich auch den Erwachsenen, die wie ich daraus vorlesen und so für spannende Minuten für die ganze Familie sorgen.
Der Autor Carlo Meier

Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1: Das Geheimnis in der Schublade
Kapitel 2: Das gefährliche Versteck
Kapitel 3: Und was nun?
Kapitel 4: Ein Hündchen ohne Namen
Kapitel 5: Ein wichtiges Tischgespräch
Kapitel 6: Der letzte Beweis
Kapitel 7: Grossvaters Geschichte
Kapitel 8: Beobachtungsposten in der Nacht
Kapitel 9: Nächtlicher Besuch eines Unbekannten
Kapitel 10: Macht Grossvater mit?
Kapitel 11: Der Schuss hinter dem Gasthof
Kapitel 12: Ab ins Versteck
Kapitel 13: Zwockel
Kapitel 14: Das weisse Pulver
Kapitel 15: Die erste Lieferung
Kapitel 16: Schuhsohlen zu Mittag
Kapitel 17: Verfolgung in der Stadt
Kapitel 18: Die Stunde der Wahrheit: Drei Uhr morgens
Kapitel 19: Der nächtliche Besucher ist wieder da
Kapitel 20: Retter in der Not
Kapitel 21: Der Held des Tages
Kapitel 22: Die grosse Überraschung

Leseprobe Kapitel 1 bis 3

1. Das Geheimnis in der Schublade

«Pssst! Nicht so laut!»Mit angehaltenem Atem schlichen die drei Kinder durch die Diele.Ein verkohlter Geruch lag in der Luft. In der Küche gab das neue Hausmädchen Silvia ein paar unschöne Worte von sich.
Die kleine Raffi konnte es nicht lassen, durch den Türspalt hineinzuspähen. Drinnen wischte Silvia am Herd mit einem Lappen und Allesreiniger übergekochte Milch ab, doch der Lappen blieb kleben und die Haushälterin riss ihn schimpfend weg, während aus der Pfanne laufend neue Milch schäumte.
«Komm endlich, Raffi!»flüsterte Simon. «Wenn wir ihr Zimmer auskundschaften wollen, müssen wir rein, solange sie beschäftigt ist!»
«Erst drei Tage ist Silvia jetzt bei uns, und ihr passiert schon wieder eine Panne! Das ist doch nicht normal!»murmelte Debora hinter vorgehaltener Hand.
Die Holzbohlen ächzten leise, als sie die Treppe hochstiegen. Alle drei Kinder wussten, dass die fünfte und die achte Stufe lauter knarren als die anderen, weshalb sie die immer ausliessen, wenn sie heimlich hinauf oder runter wollten.
Im Obergeschoss tapsten sie an Simons Zimmer vorbei. Vor der Kammer der Hausangestellten blieben sie stehen.
«Wollen wir's wirklich tun?»Debora blickte bange. «Wenn das die Eltern rauskriegen! Oder wenn Silvia merkt, dass wir reingegangen sind!"
Raffi guckte aus grossen Augen und zuckte die Schultern, um ihre Aufregung zu verstecken.
Entschlossen drückte Simon die Türklinke runter. «Sie werden's schon nicht merken. Raffi, du hältst hier Wache! Wenn jemand die Treppe raufkommt, beginnst du einfach zu husten."
«Ich will nicht draussen bleiben!»Die Kleine war ganz zappelig. «Ich möchte bei euch sein!"
«Es dauert nicht lange", beschwichtigte Debora.
Und Simon setzte hinzu:
«Hast du etwa Angst?"
«Sicher nicht!»antwortete Raffi.
«Also gut - dann bleib draussen."
Die Kleine nickte flau: Ihr war nicht ganz wohl bei der Sache.
Debora und Simon traten in den Raum, der unverschlossen war, denn alle Türen des alten Hauses konnte man nur von innen mit einem Riegel zusperren.
In der Kammer herrschte eine mordsmässige Unordnung.
Wenn das bei uns so aussähe, dachten die Kinder, würden unsere Eltern schön ausflippen!
Der Fussboden war bedeckt mit Schallplatten, Socken und einer mitten in den Raum gestellten Grünpflanze, die dringend mal Wasser brauchte. Auf dem Bett lagen Schokoladenpapier und aufgeschlagene Hefte mit Foto-Lovestorys neben der zerknüllten Decke und dem abgetragenen Nachthemd.
«Hier sieht's ja aus, als wär eine Bombe explodiert!»frotzelte Simon.
Der Schreibtisch war übersät mit Klamotten. Dazwischen ragten ausgegessene Plastikschälchen heraus, in denen noch Reste von Salat klebten. Aus dem Chaos zog Debora ein schmales Buch hervor. Es trug den Titel HAUSHALTEN EINFACH GEMACHT.
Während Simon unters Bett schaute, blätterte Debora in dem Büchlein. Auf der ersten Seite stand: Regel 1: Halten Sie immer Lappen und Allesreiniger bereit.
«Sieh mal, hier!»Simon kauerte am Boden und hielt ihr eine kleine Schachtel entgegen. Drin lag ein Schlüssel.
Auf dem Flur begann Raffi zu husten.
Blitzartig machte Simon das Schächtelchen wieder zu und warf es unters Bett zurück.
Debora quetschte das Buch in den Kram auf dem Tisch.
Beide rannten aus dem Zimmer auf die Diele.
Weil Raffi trotzdem nicht zu husten aufhörte, raunte Simon aus dem Mundwinkel:
«Es reicht. Wir haben's geschnallt."
Doch die Kleine japste weiter. Mit tränenden Augen presste sie hervor:
«Mir ist bloss was in den falschen Schluck geraten!"
«Ja Bingo!»Vorwurfsvoll verzogen Simon und Debora den Mund und blickten Raffi strafend an. Aber wirklich böse waren sie ihr nicht.
Mittlerweile erfüllte der Gestank aus der Küche auch die erste Etage. Ausser ihm kam aber niemand nach oben.
«Was das wohl für ein Schlüssel ist, den sie da unter dem Bett liegen hat?»fragte Debora.
Für Simon war der Fall klar:
«Wir müssen nochmal rein.»
«Diesmal komm ich aber auch mit", sagte Raffi.
«Jetzt geht das schon wieder los!»stöhnte Simon. «Du hast uns ja rausgehustet!"
Enttäuscht senkte die Kleine den Kopf.
«Aber das nächste Mal ist jemand anders dran", schmollte sie, doch die anderen waren schon wieder hinter der Tür verschwunden.
Im hinteren Teil der Diele gab der Sicherungskasten ein mechanisches Ticken von sich. Das tat er schon die ganze Zeit.
Raffi warf einen Kontrollblick zur Treppe. Da niemand kam, schlich sie hinüber zu den beiden alten Holzschränken und dem Sicherungsbrett.
Sie betrachtete das Ding, obwohl es ihr ein wenig ungeheuer war - oder vielleicht gerade deswegen. In einem der schwarzen Gehäuse drehte sich eine kleine gezackte Metallscheibe so leise, dass man ihr Surren nur hörte, wenn man sich auf die Zehenspitzen stellte und ganz nah hinhorchte. Darunter schauten weisse Sicherungen mit grünen und roten Köpfchen heraus. Raffi hoffte, dass vielleicht eine Sicherung durchbrennen und das farbige Köpfchen wegspicken würde, aber der Wunsch ging nicht in Erfüllung.
In der Kammer schaute Debora sich um, während Simon den Schlüssel aus der Schachtel hervorholte. Soweit sie entdecken konnte, gab es im ganzen Raum nur ein einziges Schlüsselloch, und das befand sich in der oberen Schreibtischschublade.
«Versuch's mal hier."
Simon steckte den Schlüssel rein. Vorsichtig drehte er ihn. Es funktionierte.
Bevor er öffnete, blickte er Debora fragend an.
Sie kratze sich am Kopf, wie sie es immer tat, wenn sie überlegte, und nickte dann zaghaft.
Langsam zog er die Schublade heraus. Beide hielten den Atem an.
In dem Fach lagen genau zwei Dinge.
Das eine war ein Reisepass.
Simon schlug ihn auf. Silvia Bühlmann, geboren 2. August 1978 - also war sie vor ein paar Tagen genau 20 geworden -, Haarfarbe schwarz, Augen blau.
Da war nur ein Problem.
Debora flüsterte:
«Aber sie sagte doch, sie heisse Schneider, Silvia Schneider, und nicht Bühlmann. Ausserdem hat sie doch nicht schwarze, sondern blonde Haare!"
«Mit einer grünen Strähne drin", ergänzte Simon.
«Trägt die eine Perücke?»sprach sie zweifelnd aus, was beide dachten. «Und wenn ja, warum?»
«Das ganze kommt mir ziemlich seltsam vor", murmelte er beunruhigt.
Debora runzelte die Stirn. «Und wieso versteckt sie den Schlüssel unter dem Bett?"
Sie klaubte den zweiten Gegenstand aus der Schublade: Ein kariertes Stück Papier, auf dessen Rückseite so etwas wie ein Lageplan gezeichnet war. Eine Weile starrten Debora und Simon auf die Skizze.
«Weisst du, was das ist?»fragte er tonlos.
«Sieht aus wie der Plan eines Hauses."
«Guck mal. Da ist mit Rot ein Pfeil eingezeichnet."
«Du, ich glaube ..."
«Das ist doch ..."
Entgeistert blickten sie sich an.

2. Das gefährliche Versteck

Simon zeigte Debora eine Stelle auf der Planskizze, wo in krakeliger Handschrift etwas hingekritzelt war.
«Kannst du das lesen?»
In diesem Moment fing draussen Raffi an zu husten.
Sie schauten sich an.
Debora hielt sich das Blatt mit dem Geschreibsel nah vor die Augen.
«Die hat vielleicht 'ne Schrift", murmelte sie, während die Kleine vor der Kammertür weiterhustete. «Warte, ich hab's. Das heisst: '3 Uhr früh'."
Raffi schob den Kopf ins Zimmer.
«Kommt doch endlich!»brauste sie aufgeregt. «Silvia hat schon zweimal nach uns gerufen - und jetzt ist sie auf der Treppe!"
«Was?»Simon und Debora glotzten sie an. «Dann sieht sie uns ja beim Rauskommen! Lenk sie ab, wir verstecken uns hier drin!"
«Aber ... wie denn ablenken?"
«Nichts aber!"
Raffi sah noch, wie Simon auf den Kleiderschrank deutete und sich selber unters Bett quetschte, dann zog sie leise die Tür zu.
Auf der Treppe knarzte es laut.
Die achte Stufe.
Silvia erschien in der Diele.
«Ah, hier bist du!»Fragend blickte sie Raffi an. «Wo sind die anderen?»
Die Kleine wippte mit dem Oberkörper vor und zurück und lächelte schüchtern. Alle aus ihrer Familie hätten sofort gemerkt, dass sie etwas verheimlichte - Mutter und Geschwister als erste, aber auch Vater und Grossvater.
Forschend schaute die Hausgehilfin im Flur herum.
«Eure Mutter will euch sehen! Ihr sollt sofort rüber kommen. Alle drei.»
«Ich sag's ihnen", antwortete Raffi treuherzig.
«Ja, aber nicht erst wenn wir alle Gruftis sind. Heute noch, klar?"
Raffi nickte und blickte auf den Fussboden mit dem grauen Läufer, der an den Stellen, wo man am meisten hintrat, durchscheinend war. In der Diele war es still. Man hörte nur das Ticken des Sicherungskastens.
«Okay", befand Silvia schliesslich. Dann trat sie auf ihre Kammer zu und legte die Hand auf die Türklinke.
Raffi begann so krass zu husten, als müsste sie gleich ersticken.
«Was ist denn, ey?»Besorgt drehte die Haushälterin sich um und kniete bei ihr nieder.
«Nichts", stiess sie atemlos hervor. «Vielleicht ist mir etwas in den falschen Schluck geraten - aber nur vielleicht, ich bin nicht ganz sicher!"
«Ach so. Ich dachte schon, du hättest einen Halskrampf oder sowas. Du hast doch vorhin schon die ganze Zeit gehustet.»
Silvia richtete sich wieder auf und überlegte:
«Was wollte ich doch gleich?»
Raffis Augen weiteten sich vor Schreck. Wenn die jetzt in die Kammer tritt ...
Sie holte tief Luft für einen neuen Hustanfall.
«Ach ja.»Die Hausangestellte wandte sich ab. «Jetzt fällt's mir wieder ein.»
Lässig schlurfte sie in den hinteren Teil der Diele und öffnete den einen Holzschrank. Suchend streifte ihr Blick über die Lebensmittelvorräte. Da gab es Teigwarenpackungen, Büchsen mit Pilzen, Spargeln, Erbsen und Karotten, Säcke mit Reis, Zucker und Mehl. Silvia griff sich eine grosse Dose Ravioli heraus und schloss den Schrank wieder.
«Das war's", sagte sie und latschte zur Treppe.
Erleichtert atmete Raffi auf.
Doch auf der obersten Stufe blieb das Hausmädchen stehen und blickte sie scharf an. «Was guckst du so? Willst du da rummachen bis du vermoderst, oder was?"
Die Kleine sah zur Holzdecke hoch.
Silvia schnaubte:
«Nun hol endlich die anderen aus dem Kinderzimmer!»
Kopfschüttelnd stapfte sie die Treppe runter.
Raffi zwang sich, nicht zur Kammer zu gehen, bevor Silvia ganz bestimmt unten wäre.
Um sich abzulenken, holte sie aus ihrer Hosentasche die Gummikakerlake, die sie vor ein paar Monaten bei ihrer Geburtstagsparty aus dem gesprengten Inhalt einer Tischbombe erobert hatte und seither immer mit sich herumtrug.
«Na, du", machte sie, doch die Kakerlake antwortete nicht. Sie steckte das braune Ding mit den ekligen dünnen Beinchen in die Tasche zurück.
Schliesslich hielt sie es nicht mehr aus. Leise öffnete sie die Tür der Hausmädchenkammer.
Drinnen sah sie auf den ersten Blick unter dem Bett Simons Fuss herausragen.
«Na super!»sagte sie. «Dich hätte sie sofort gesehen!"
Der Kleiderschrank öffnete sich einen Spaltbreit. Debora linste heraus.
«Ist sie weg?"
«Klar, ihr könnt rauskommen.»Raffi rollte frech mit den Augen. «Oder wollt ihr noch vermodern hier drin?"
Ächzend robbte der Junge unter dem Bett hervor.
Debora stieg aus dem Schrank und umarmte die Kleine.
«Du warst Spitze, Schwester!"
Simon richtete sich auf und wischte die Jeans ab. «Ich würde sogar sagen, du warst Mega-Spitze! Check!»Symbolisch holte er aus und klatschte mit der flachen Hand auf ihre hingestreckte Händchenfläche. «Klasse, Mann!"
Raffi lächelte verschmitzt.
Mit verstellter Stimme äffte Simon die Haushälterin nach:
«Hol die anderen aus dem Kinderzimmer, aber nicht erst, wenn wir Gruftis sind!"
Die drei hielten sich den Mund zu, damit man unten ihr Gekicher nicht hören konnte.
Raffi fragte:
«Du, was ist eigentlich 'vermodert'?"
Debora bekam einen neuen Lachanfall, ihr Gesicht wurde ganz rot. Sie prustete:
«Und was ist ein Halskrampf?"
Nun mussten die drei wirklich aufpassen, dass sie nicht laut losplatzten vor Lachen.
«Wir sollten abhauen, bevor sie am Ende nochmal kommt", fand Simon zum Ernst der Lage zurück.
Debora legte die Planskizze in die Schreibtischschublade, Simon schloss sie ab und verstaute den Schlüssel wieder in der Schachtel unter dem Bett.
«Was habt ihr gefunden?»Raffi sah sie aus leuchtenden Augen an.
«Das erzählen wir dir nachher, so bald es geht", entgegnete Debora, als sie die Tür der Kammer von aussen zuzog. «Erst müssen wir jetzt auf dem schnellsten Weg zu Mami."

3. Und was nun?

Als die Kinder die Treppe runterkamen, war der Flur immer noch erfüllt mit dem Gestank der verkohlten Milch. Und das wurde nicht besser dadurch, dass Silvia draussen vor dem Haus stand und eine Zigarette rauchte.
«Man sollte besser mal kräftig durchlüften, anstatt noch mehr zu qualmen", sagte Debora verstohlen zu den anderen Kindern, während sie die Verbindungstür öffnete, die das Haupthaus mit dem Blumenladen verband.
Sie traten in den Verkaufsraum, und ein angenehm kühles Lüftchen umfing sie in dem hohen Gebäude mit dem Steinboden und dem erdigen Pflanzenduft. Früher war das hier eine Scheune, die jetzt in ein Blumengeschäft umgebaut war.
Gleich rechts von ihnen befand sich die Kasse, daneben die Eingangstür für die Kunden.
Sonnenblumen, Rosen, Margeriten und Klatschmohn wuchsen aus Zinn- und Kupferkübeln. Dazu waren Pflanzenerde, Spezialdünger, Töpfe und Zubehör ausgestellt.
In der Ecke links, hinter Glasscheiben abgetrennt, war das Büro. Dort sass Vater am Schreibtisch vor dem Computer und telefonierte.
An der Verkaufstheke band Mutter für eine Kundin einen Rosenstrauss.
«Da seid ihr ja endlich! Bringt schnell die Hochzeitsbuketts in den 'Adler' - Vater kann im Moment nicht weg."
Sie zeigte durchs Fenster auf den Leiterwagen mit Blumenarrangements drauf, der draussen bei den Besucherparkplätzen stand.
«Super!»rief Raffi.
Überrascht schaute Mutter auf. Natürlich wunderte sie sich, dass die Kleine so über die Besorgung erfreut war. Aber sie wandte sich sofort wieder der Kundin zu, die sehr süss herüber lächelte. Wahrscheinlich glaubte die jetzt, sie seien die liebsten Kinder der ganzen Welt.
Simon und Debora flitzten raus zur Deichsel, hoben sie - er links, sie rechts - hoch, und holperten mit dem Karren über den kopfsteingepflasterten Platz los, vorbei am plätschernden Brunnen und der Holztafel mit der Aufschrift BLUMEN WALSER.
Raffi hüpfte neben her. «Jetzt geht's! Erzählt!"
«Pssst!»zischte Debora. «Erst wenn wir vom Hof weg sind!"
Sie bogen auf den Landweg ein und zogen den Wagen entlang der duftenden Weide.
Es war drückend heiss. Die Luft flirrte über der Erde. Grillen zirpten um die Wette, und in der Wiese bewegten sich überall Grashalme von herumhüpfenden Heuschrecken. Hummeln und Bienen summten um die weissen Margeriten. Am dunkelblauen Himmel brummte ein Flugzeug vorüber.
«Also! Lasst hören!»drängelte Raffi ungeduldig.
Simon sah Debora an. «Hast du dasselbe gedacht wie ich?»
«Ich glaub schon.»
«Der Plan, den wir in Silvias Zimmer gefunden haben", begann Simon, und Raffi hing an seinen Lippen, um ja keinen Ton zu verpassen. «Da drauf ist nicht irgend ein Haus eingezeichnet - das ist unser Haus!"
Debora setzte hinzu:
«Und der rote Pfeil zeigt auf den Hintereingang des Haupthauses!"
«Was?»fragte Raffi verwirrt.
Simon dachte laut nach. «Wozu bloss hat Silvia da einen Pfeil hingemacht? Und was bedeutet '3 Uhr früh'?"
«Und wofür hat sie überhaupt die ganze Zeichnung gemacht?"
Raffi schaltete sich wieder ein:
«Silvia hat eine Zeichnung gemacht? Kann sie gut malen?»
«Ja Bingo!»Simon und Debora verzogen das Gesicht.
Raffi sah den beiden an, dass ihnen nicht zum Scherzen zumute war.
Simon sagte:
«Und dann hat sie erst noch einen falschen Namen angegeben - also irgend etwas ist da mehr als faul mit diesem Hausmädchen!"
«Ja, aber was sollen wir bloss tun?»Debora war's gar nicht mehr wohl in ihrer Haut. «Wir müssten es unbedingt Mami und Papi erzählen."
«Müssten schon - aber das geht nicht! Sonst würden sie doch auf der Stelle erfahren, dass wir in der Hausmädchen-Kammer waren, und sie haben uns doch immer wieder gesagt, dass wir da nicht reindürfen!»
«Oh-oh", machte Raffi, die inzwischen merkte, wie mulmig die Lage war. «Dann gibt es eine saftige Strafe!"
«Wir haben nur eine Wahl", stellte Simon ernst fest.
Debora nickte. «Wir müssen der Sache selber nachgehen! Aber bloss wie?»
«Lass uns mal überlegen", sagte Simon. «Es könnte doch sein, dass Silvia die Zeichnung für jemand gemacht hat, der sich in unserem Haus nicht auskennt ..."
«Und mit dem sie sich beim Hintereingang treffen will", folgerte Debora. «Um drei Uhr früh!"
«Genau! Am besten, wir liefern jetzt erst mal die Blumen ab. Zu Hause denken wir uns nach dem Abendbrot einen Plan aus, wie wir es anstellen könnten, um Silvia in der Nacht zu beobachten."
«Au, ja!»rief Raffi und guckte jetzt schon aufgeregt. «Klasse, Mann!»

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