Leseprobe aus "Hope Road"
Brunnen Verlag, Basel/Giessen, 2011
© Brunnen Verlag
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Owen Collins und Patrick Mason klammerten sich in einer scharfen Kurve am Griff fest. Sie sassen im Oberdeck des roten Doppelstockbusses Richtung Paddington, ganz vorne, wo man die beste Aussicht hat. Die präsentierte sich derzeit allerdings nicht von ihrer Sonnenseite. Die Stadt lag unter einer dichten Hülle tief liegender Wolken.
Trotzdem fuhren Owen und Patrick bei jedem Wetter am liebsten extralange Strecken, damit es sich auch lohnte, die Plätze im oberen Stockwerk zu beziehen – die steile Treppe da hinauf war ja schliesslich kein Kinderspiel. Früher hatten sie gerne ausgedehnte Spaziergänge unternommen, aber weil sie inzwischen nicht mehr ganz so gut zu Fuss waren, hatten sie sich eben aufs Busfahren verlegt.
Oft hingen sie dabei einfach ihren Gedanken nach und ‚plauderten still’, wie sie es nannten, jeder für sich und doch gemeinsam.
Nun brach Patrick jedoch das Schweigen. „Ich hab was Interessantes gehört“, begann er.
Owen sah ihn aufmerksam an.
„Von meinem Freund Jim in der Altersresidenz“, erklärte Patrick. „Bei ihm ist etwas aus dem Zimmer weggekommen.“
„Tatsächlich?“
„Ja, und ich dachte, wir könnten Jimmy vielleicht ein wenig unter die Arme greifen und uns die Sache mal anschauen.“
Owen schlug die Beine übereinander. „Wir sind pensioniert, Patrick ... Die Polizei wird sich um den Fall kümmern.“
„Schon, aber auf der Wache haben sie Jim gesagt, weil keine Gefahr in Verzug sei, könne es eine Weile dauern – und bis dann ist der Dieb doch längst über alle Berge!“
Owen betrachtete die lange Reihe London-Taxis auf der Fahrspur vor sich. „Wie auch immer“, seuftze er. „Erzähl mir erst einmal, was passiert ist.“
„In Ordnung.“ Patrick setzte sich aufrecht hin und räusperte sich. „Also, aus Jimmys Zimmer sind mehrere Tausend Pfund gestohlen worden, während er unten beim Frühstück sass!“
„Im Ernst? Weshalb hat er denn so viel Geld in seinem Zimmer und nicht auf der Bank? War das etwa sein ganzes Vermögen?“
„Nein, aber er traut den Banken nicht recht über den Weg und wollte zumindest einen gewissen Betrag bei sich in der Nähe haben. Von dem Geld bezahlt er die Geschenke für seine Enkel und jedes Semester ihre Schulsachen. Wenn er’s nicht zurückbekommt, dann ...“
„Verstehe. Eine Versicherung hat er wohl nicht?“
„Jim, eine Versicherung? Vergiss es!“
Der Bus bog scharf zu einer Haltestelle ein, und Owen umklammerte abermals den Griff. „Wer hatte denn zur fraglichen Zeit Zugang zu dem Zimmer?“
„Nur zwei Leute“, antwortete Patrick. „Die Frau vom Hausdienst und ein Pfleger.“
„So, so, nur zwei Leute“, murmelte Owen und blickte seinen Freund versonnen an.
„Wie wär’s“, schlug Patrick vor, „wollen wir Jim nachher auf dem Heimweg noch rasch einen kurzen Besuch im Seniorenheim abstatten?“
Owen dachte darüber nach und musterte dabei durchs Fenster den stockenden Verkehr in der Oxford Street – ein Bus reihte sich an den anderen, und auf den breiten Gehsteigen wimmelte es von Menschen. „Nun“, meinte er schliesslich, „ein kleiner Besuch kann ja nicht schaden.“
„Ausgezeichnet!“ Patrick nickte zufrieden.
Keine Minute später beugte er sich vor und holte aus seiner Tasche eine Thermoskanne heraus. Mit geübtem Griff schraubte er den Deckel ab, der auch als Trinkgefäss diente, und schenkte sich Tee ein. Nur halbvoll – zur Sicherheit, da der Bus ja ganz schön rumpelte. „Lieber die Hälfte im Magen“, murmelte Patrick, „als alles am Kragen.“
Owen schmunzelte und warf einen Blick auf seine Armbanduhr. Die Zeiger rückten auf Punkt 17 Uhr.
Er mochte Tee ebenfalls, aber er bestand im Gegensatz zu Patrick und vielen anderen Briten nicht darauf, seine Tasse immer pünktlich zur Teezeit zu trinken. Ausser ihnen tat dies ohnehin kein Mensch im Bus – aber das Alter hatte eben auch Vorteile, und gewisse Spleens gönnten sie sich jetzt einfach.
Patrick und Owen kannten sich schon, seit sie im Kindergarten die Strassen rund um die Portobello Road gemeinsam unsicher gemacht hatten. Auch während ihrer Jugendzeit und selbst nach der Ausbildung verloren sie sich nie ganz aus den Augen. Viele Jahre später, nachdem Owen Witwer geworden war und seine Karriere bei der obersten Londoner Polizeibehörde Scotland Yard abgeschlossen hatte, trafen sie sich wieder öfter.
Patrick hatte nun ebenfalls viel Zeit und genoss ausgiebig den Ruhestand, seit er von seiner Arbeit als Motorradmechaniker in Rente gegangen war.
Nachdem Owens Familie kürzlich aus der grossen gemeinsamen Stadtwohnung ausgezogen war, hatten die beiden dort eine Wohngemeinschaft eröffnet.
Das klappte ganz gut.
Meistens.
Die zwei Freunde wiesen zwar viele Gegensätze auf, aber auch eine gemeinsame Vorliebe für ungeklärte Vorfälle. Und das hatte sich herumgesprochen. Des öfteren holte man die beiden, wenn irgendwo in der Umgebung irgendwas nicht mit rechten Dingen zuging. Und obwohl sich Owen eigentlich sträubte, seinen alten Beruf auch als Rentner noch auszuüben, konnte er manchmal der Versuchung trotzdem nicht widerstehen. Er war eben immer noch ein alter Fuchs, und wenn ihn ein Rätsel erst mal reizte, liess es ihm meist keine Ruhe mehr …
Der Bus bremste ruckartig und kam dicht hinter demjenigen vor ihnen zu stehen. Durch dessen rot umrandetes Rückfenster konnte man ins gut besetzte Oberdeck sehen.
Patrick trank vorsorglich seinen Tee aus, um ja keinen Tropfen zu verschütten.
Ein Hupkonzert ertönte, als der Fahrer am Marble Arch im dichten Stadtverkehr nach rechts in die zweite Spur einfädelte.
„Bald sind wir am Notting Hill Gate“, murmelte Patrick und schraubte die Thermoskanne wieder zu. „Machen wir uns lieber rechtzeitig bereit zum Aussteigen.“
Owen, wie immer stets gutgekleideter Gentleman mit Krawatte und weissem Hemd, nickte lächelnd, obwohl es bis zu der Haltestelle noch gut fünf Minuten dauern würde.
Unsichtbar unter seinem Anzug trug er ein Geheimnis, von dem nur die Wenigsten wussten: Eine kleine Tätowierung auf dem linken Oberarm, ein Kreuz mit einem roten J und darunter die Jahreszahl eines besonderen Fronterlebnisses. Das Tattoo erinnerte ihn an seine Militärzeit. Die war zwar längst vorbei, doch der Glaube war ihm geblieben; Owen blickte dem Leben – und dem Tod – vertrauensvoll entgegen.
Patrick war im Vergleich zu ihm der sportliche Typ, ein eingefleischter Junggeselle. Er trug Sakkos mit Lederaufnähern an den Ellbogen, dunkle Jeans und am liebsten bequeme Turnschuhe. Wie sein bestohlener Freund Jim war er früher stolzes Mitglied im Harley-Davidson-Motorradclub gewesen. Die Zeiten auf den heissen Öfen waren zwar vorbei, doch abenteuerlustig war Patrick noch immer – verbunden mit einer gewissen Skepsis allerdings, was die Zukunft bringen mochte ...